Meine virtuelle Freundin Servetus hat mich mit ihrem Kommentar zum Post
"Irlandliebe" zum Nachdenken gebracht. Dort schrieb sie, dass es in den USA positiv belegt ist, irische Vorfahren zu haben. Das kann ich gut nachvollziehen. Die Iren muss man eigentlich lieben: Man hält sie für freundlich und aufgeschlossen, sie reden gern und mit jedem. Einem guten Tropfen sind sie nicht abgeneigt. Sie haben die Weltliteratur mit einigen hochkarätigen Schriftstellern beglückt und ihren einzigartigen Stempel auch der Musik aufgedrückt. Ich sage nur Eurovision Song Contest. Haha, Scherz, nein, ich meine damit eher so einflussreiche Bands und Musiker wie U2, Rory Gallagher oder The Pogues
und Westlife, haha, nein, ich scherze schon wieder! Dazu kommt, dass die Iren ein wahrhaft magisch schönes Fleckchen Erde ihr Zuhause nennen können - landschaftlich beeindruckend und an die Seele appellierend. Die Tatsache, dass Irland welt-
und geopolitisch dagegen eher am Rande liegt, ist dabei kein Nachteil - ein so kleines Land wirkt niemals bedrohlich, hat noch niemals versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen und ist niedlich-neutral. Mit einem irischen Pass kann man überall hinfahren - und wird überall gern gesehen (sogar in Großbritannien, wo man mittlerweile die Iren auch nicht mehr ausschließlich als lästige Anhängsel mit terroristischen Neigungen wahr nimmt...).
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Burgen, Berge, Schlösser und alles schön ordentlich. | | |
Manchmal, ja manchmal, betrachte ich diesen rundweg positiven Ruf der Iren in der Welt mit Wehmut. Als Deutsche
meiner Generation ist diese beschauliche, vielleicht auch etwas herablassende Sichtweise einer Nationalität geradezu beneidenswert. Die Hypothek meines Landes liegt mir schwer auf den Schultern. Das hat sicher damit zu tun, dass ich dank meines Historikerhintergrundes immer schon die deutsche Vergangenheit sehr persönlich und intensiv gespürt habe und dementsprechend die Wirkungsweise und auch die Reaktionen auf Deutsch-Sein empfindlich wahr nehme. Manchmal hindert mich das im Umgang mit anderen Nationen. Die deutsch-französische Erbfeindschaft scheint mir im Blut zu legen, wenn ich daran denke, wie unreflektiert ich gelegentlich auf Frankreich oder die Franzosen reagiere. Schande auf mich! Oder führt zu vorauseilendem Gehorsam, wenn ich vorschnell annehme, dass jemand Probleme damit haben könnte, dass ich Deutsche bin. Aus Deutschland zu kommen, bedeutet auch heute vorurteilsmäßig immer noch, mit den typischen "Primärtugenden" in Verbindung gebracht zu werden: Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit. An sich erstrebenswert und positiv (oder kommt mir das nur vor, weil ich selber so sozialisiert worden bin, diese Charakteristika als positiv zu empfinden?). Daneben stehen aber auch Humorlosigkeit und Sachlichkeit, Arbeitsethik und gefühllose Effizienz. Eben ein bisschen "ernst", wie Serv es beschrieb. Um das Deutsch-Sein wird man nicht beneidet - ums Irisch-Sein schon.
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Idylle wohin das Auge reicht. Wirklich, Irland? |
Dabei könnte ich auch zum Irisch-Sein einige erhellende Beiträge abgeben. Vielleicht auf Grund ihrer insularen Isolation sind die Iren oftmals der Kirchturmpolitik zugeneigt. Über den Tellerrand schaut man hier nicht unbedingt heraus - was sich in der beschaulichen Nachrichtenberichterstattung im Lande zeigt. Das Land hat darüber hinaus noch einige Arbeit vor sich, was beispielsweise den Umgang mit Alkohol angeht. So idyllisch das Bild des betrunkenen Iren auch sein mag - in Dublin äußert sich das jedes Wochenende mit wahrhaft unappetitlichen Szenen, vor allem nach Sperrstunde.
Dennoch, manchmal erscheint es mir erstrebenswert, meinen deutschen Pass abgeben zu können und mich der Nation meines Gastlandes anzupassen. Das sind Momente der Schwäche und Frustration - zum Beispiel wenn mir meine 12-jährige Tochter erzählt, dass die Gegnermannschaft in der Schüler-Fußball-Liga ihrem Team mit dem Hitler-Gruß begegnet ist, oder dass man die Schüler der deutschen Schule "Little Nazis" schimpft. Wirklich? 70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs? Da ist sie, die Hypothek, von der ich oben schrieb. Herkunft lässt sich nicht abschütteln.
Und eigentlich will ich das auch nicht. Zwar bin ich längst lange genug in diesem Land, dass ich die irische Staatsbürgerschaft annehmen könnte. Und zur Partizipation an der politischen Meinungsbildung in meinem Gastland, dessen Gesetzen ich unterliege und in dem ich meine Steuern zahle, hätte ich diese auch gerne. Tief drin in mir weiß ich aber, dass ich keine Irin bin. Und auch niemals eine sein werde, egal wie sehr ich mich an die Gepflogenheiten in meinem Gastland angepasst habe. Längst bin ich nicht mehr so ordentlich, pünktlich und fleißig, wie man es vielleicht in Deutschland von mir erwarten würde. Ich gehe mit Treffpunktzeiten leger um, habe eine hohe Toleranzschwelle, was eine ordentliche Wohnung angeht und erlaube mir, nicht alles perfekt zu machen. Aber deutsch bleibt deutsch, das Land meiner Eltern, in dem ich aufgewachsen bin, wo ich studiert habe und wo immer noch zahlreiche meiner Freunde leben, ist in mir verankert. Bei aller Kritik und trotz der festen Überzeugung, nicht mehr in Deutschland leben zu wollen, fühle ich mich dennoch Deutschland verbunden. Richtig erklären kann man das wohl nicht. Nur ein bisschen mehr Wohlwollen Deutschland gegenüber, das würde ich mir wünschen.